Wie viel Mut steckt im Wir?

Über Haltung, Prozesse und unser aim-Miteinander

Mut hat nur drei Buchstaben, ist aber ein richtig großes Wort. Oft zitiert, gern gefordert, manchmal auch schnell wieder vergessen. Aber was heißt das eigentlich? Und wie fühlen sich Mut in der Bildung und mutiges Miteinander an?

Wir sagen: Mut ist kein Selbstzweck. Wer in unserer Bildungslandschaft neue Wege gehen will, braucht ihn ebenso wie Strukturen, die ihn ermöglichen. Bei uns in der aim versuchen wir, mit gutem Beispiel voranzugehen: Denn Mut entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen dürfen – und dabei auf ein gemeinsames Fundament bauen können. 

Mutig miteinander ist in unserem Wirkungsradius keine Worthülse, sondern eine tägliche Übung und Haltung. Manchmal auch eine Herausforderung, der wir uns gemeinsam stellen müssen. Mut braucht Vertrauen. Und Vertrauen wächst mit der Zeit durch Erfahrungen, durch Begegnungen und durch gemeinsames Gestalten, intern ebenso wie im Wirken nach außen. 

Im März 2025 haben wir mit rund 1.000 Teilnehmenden unsere Biko, die aim Bildungskonferenz, veranstaltet. In Kooperation mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg gab es in mehr als 70 Programmangeboten – bestehend aus Workshops, Lesungen, Impulsvorträgen sowie interaktiven Formaten – viel Raum für Austausch, Vernetzung und Ideen. Ein mutiger Ort im besten Sinne: Hier wurde diskutiert, gestritten, gedacht, gefragt, gelacht, kritisiert, gefeiert. Und zwischendurch auch mal gezweifelt. Denn so groß und bunt ein Projekt wie die Biko auch ist, so sehr fordert es auch heraus. Menschen wachsen an so etwas; vor allem wachsen sie zusammen. 

Besonders deutlich wurde dabei, dass Bildung vielfältige Perspektiven braucht, und zwar thematisch, methodisch und menschlich. In Vorträgen wie „Als Lehrkraft ein Ally sein“ von Lisa Niendorf oder „In der Schule wird Deutsch gesprochen!“ von Ali Dönmez standen Fragen von geschlechtlicher, sprachlicher und kultureller Vielfalt im Zentrum. Die Keynote von Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach widmete sich der bildungspolitischen Herausforderung, Kindheit heute gerecht zu begegnen, während Julian van Dieken mit „State of AI“ kreative Impulse zu KI und Bildung setzte. Workshops wie „Rassismussensible Schule“ von LERAconnect schufen Reflexionsräume für strukturelle Diskriminierung im Schulalltag – und machten deutlich: Wer Bildung gestalten will, muss Vielfalt nicht nur mitdenken, sondern aktiv ermöglichen. 

Auch innerhalb der aim hat sich im letzten Jahr viel bewegt: Mit dem Start eines bereichsübergreifenden Strategieprozesses hat sich unser gesamtes Team gemeinsam gefragt: Was brauchen wir, um als Bildungseinrichtung in Zukunft wirksam zu bleiben? Und was können, dürfen, müssen wir dafür verändern? In fünf Handlungsfeldern haben unsere Mitarbeitenden – unabhängig von Rolle, Zugehörigkeit oder Arbeitszeitmodell – Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten bearbeitet: von der Programmentwicklung über Digitalisierung bis hin zur Frage, wie Zusammenarbeit im Alltag gelingen kann. Dabei wurde engagiert gesammelt, priorisiert, hinterfragt. Denn Mut braucht Räume für alle, in denen auch das Unfertige und Kritische einen Platz hat. Es kostet Überwindung, auch unangenehme Dinge offen anzusprechen, um gemeinsam Lösungen zu finden. Am Ende der Strategiewerkstätten waren über 500 Vorschläge und Impulse auf 516 Post-its festgehalten. Die unterschiedlichen Perspektiven und Backgrounds, die sich unter dem Dach der aim zusammenfinden, haben hier einmal mehr deutlich gezeigt: Unsere Vielfalt macht uns stärker. 

Was wir von aimy lernen können

Ameisen sind super: Obwohl sie klein sind, agieren sie in beeindruckend starken Kollektiven – koordiniert, ausdauernd und mit hoher Verantwortung füreinander. Ihre wichtigsten Merkmale:

Mut durch Gemeinschaft

Ameisen verteidigen ihre Kolonie, auch gegen überlegene Gegner. Sie verlassen sich dabei auf ein stabiles soziales Gefüge.

 

Kooperation statt Einzelkampf

Aufgaben werden gemeinsam getragen. Entscheidungen entstehen durch  kollektive Orientierung und Feedbackprozesse.

 

Risikobereitschaft für das Ganze

Einzelne Ameisen wagen sich weit vor, um neue Wege oder Ressourcen mit Fleiß zu erschließen – nicht für sich selbst, sondern für alle.

 

Ein starkes Bild für das, was auch in der Bildung zählt: Vertrauen, Verbindlichkeit und der Mut, im Team über sich hinauszuwachsen. Unser Maskottchen aimy erinnert uns täglich daran!

 

In einer Kultur des Zutrauens sind neue Formate und Rituale wie die sogenannten „aimPulse” entstanden: kurze Inputs mit Expertenwissen aus dem Arbeitsalltag, kombiniert mit Raum für informellen Austausch in Pre- oder After-Work-Runden oder bei einem kollektiven Mittagessen. Dieses Format verbindet Kolleginnen und Kollegen über Bereichsgrenzen hinweg, schafft Sichtbarkeit und Transparenz für unterschiedliche Arbeits- und Lebenswelten. Innovationskultur ist auch Beziehungskultur. Wer offen kommuniziert, schafft Voraussetzungen dafür, dass neue Ideen entstehen und geteilt werden können.  

Mutig miteinander meint in der aim aber nicht nur interne Prozesse. Besonders deutlich wird das Prinzip in der Arbeit mit jungen Menschen. Programme wie die Juniorakademie oder der Studienkompass fördern Selbstwirksamkeit und Bildungsbiografien. Hier wird Mut sichtbar, wenn Schülerinnen und Schüler Verantwortung übernehmen, Fragen stellen, sich ausprobieren. Auch in der Bildungsarbeit mit Fach- und Leitungskräften aus Krippe, Kita und Schule ist mutiges Miteinander ein zentrales Prinzip. Die aim legt großen Wert auf Beziehungsarbeit – sowohl als pädagogisches Konzept als auch als Haltung gegenüber Teilnehmenden. In den breit gefächerten Programmen und Zielgruppen spiegelt sich der Anspruch wider, Menschen nicht nur weiterzubilden, sondern ihnen Vertrauen in ihre eigene Gestaltungskraft zu geben. Es geht um Haltung, nicht nur um Inhalte. Um Wirksamkeit, nicht nur um Vermittlung. Denn manche Bildungswege sind nicht geradlinig. Aber sie werden leichter, wenn Menschen da sind, die mitgehen, die ermutigen und die an andere glauben.  

Dass dieses Verständnis über die Organisation hinauswirkt, zeigt sich in der Zusammenarbeit mit unseren starken Kooperationspartnern. Die aim versteht sich als Akteurin in einer Bildungslandschaft im Wandel – mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche zu selbstbestimmter und verantwortungsvoller Teilhabe an einer demokratischen Gesellschaft zu befähigen. Dieser Anspruch verlangt nach Mut. Und nach Verbündeten. Insbesondere im Austausch mit Bildungsverwaltungen, Schulen, gemeinnützigen Trägern und politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern wird deutlich: Zukunftsfähige Bildung braucht starke Allianzen.

Mutig miteinander ist keine Formel, kein Zustand, sondern ein Prozess und eine Richtung.Und manchmal auch ein Sprung ins kalte Wasser. Das Gute daran ist, dass niemand den Sprung allein wagen muss. Wo Menschen Gestaltungsspielräume erhalten, wo Verantwortung ernst genommen und Vielfalt anerkannt wird, entsteht Zukunftsfähigkeit. Für Organisationen und für Bildung insgesamt. Wenn wir uns gegenseitig zuhören, wenn wir Vielfalt zulassen, wenn wir einander zutrauen, gute Dinge zu bewirken, wird Mut zu etwas Alltäglichem. Und dann kann aus Mut Veränderung werden. 


Über die Autorin: Julia Kleiner ist Redakteurin bei der aim. Sie findet Mutausbrüche total gut.