Vorlesen als Zugang zu Bildung und Weltwissen

Dr. Gabriele Czerny ist aim-Dozentin, Kinderbuch- und Vorlese-Expertin. Wir haben sie gefragt, weshalb Vorlesen so wichtig ist, wie Erzieher/-innen und Eltern eine Vorleseroutine in den Alltag integrieren können und welche Fähigkeiten bei Kindern durch regelmäßiges Vorlesen gestärkt werden.

Frau Dr. Czerny, was macht für Sie ein gutes Kinderbuch aus?

Zuallererst muss für mich ein gutes Kinderbuch die Kinder erreichen, so dass sie auf eigene Erfahrungen und Gefühle zurückgreifen können. Ein gutes Kinderbuch begleitet, um mit den Worten von Astrid Lindgren zu sprechen, die Kinder in ein „Leseabenteuer“. Ein gutes Kinderbuch spricht die Kinder in ihren Emotionen an und erzeugt etwa Freude, Spaß, Spannung, aber auch Ärger, Wut und Angst.  Bücher können Kindern Mut machen, sich in der Welt zurecht zu finden, ihr Wissen zu erweitern und sich selbst und auch andere besser zu verstehen. Wichtigstes Kriterium für ein gutes Kinderbuch ist für mich, dass man das Vorlesen mit einem positiven Gefühl beendet. Denn dann können auch schwierigere Lebensthemen von Kindern erfasst werden. Ein gutes Kinderbuch spricht auch uns als Erwachsene an.

Haben Sie selbst ein Lieblingskinderbuch und worum geht es darin?

„Pippi Langstrumpf“ war und ist immer noch eines meiner Lieblingskinderbücher. Die Figur Pippi hat mich bereits als Mädchen fasziniert. Sie ist unbeugsam, wild und lebt ein ganz selbstbestimmtes Leben mit Äffchen und Pferd in einer kunterbunten Villa. 

Jetzt hat eine aktuelle Studie des „Vorlesemonitor“ gezeigt, dass jedem fünften Kind in Deutschland nie vorgelesen wird. Wie bewerten Sie die Studie und warum ist Vorlesen Ihrer Meinung nach so wichtig?

Diese Studie finde ich wichtig und sinnvoll, da sie Aufschluss darüber gibt, wie die Vorlesepraxis in Familien aussieht, und damit auch gewissermaßen die Eltern in die „Pflicht“ nimmt, ihren Kindern regelmäßig vorzulesen. 
Warum das Vorlesen so wichtig ist?  Zunächst weckt gutes und interessantes Vorlesen die Freude am Buch. Kinderbücher regen die Fantasie und Kreativität der Kinder an.
Die Kinder kommen beim Vorlesen zur Ruhe und können die Geschichten in ihrem eigenen Tempo und in ihrer ganz individuellen Vorstellung lebendig werden lassen. 
Wenn Eltern, Großeltern, Geschwister, Erzieherinnen oder Erzieher vorlesen, dann gestalten sie Wohlfühlinseln, in denen die Kinder sich sicher und geborgen fühlen. Gerade Angst- oder konfliktbehaftete Themen können im gemeinsamen Erleben und Verarbeiten aufgegriffen und betrachtet werden. Das finde ich ein wichtiges Kriterium, gerade heute in unserer medial durchdrungenen Zeit. So gesehen kann Vorlesen die Resilienz von Kindern stärken. 

Welche Geschichten eignen sich denn am besten zum Vorlesen etwa in der Kita oder auch zu Hause?

Grundsätzlich muss man überlegen, wem man wann, wo und warum etwas vorliest. 
Folgende Fragen stelle ich mir hierzu: 

  • Wie alt sind die Kinder, denen ich vorlese? 
  • Wann lese ich vor? Gibt es einen festen Raum im Alltag eines Kindes? 
  • Warum will ich die Geschichte vorlesen? 
  • Gibt es Themen, die die Kinder gerade beschäftigen? 
  • Regt die Geschichte zum Bewegen und zum Spielen an? 
  • Gibt es einen besonderen Anlass zum Vorlesen, wie z. B. ein Jahreszeitenfest? 

Ganz allgemein kann ich die Stiftung Lesen empfehlen. Folgt man dem Link, erhält man drei neue Vorlesegeschichten aus bekannten Kinderbuchverlagen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Geschichten eignen sich für Kinder ab drei, fünf und sieben Jahren.

Kennen Sie schon diese Kinderbücher?

  • Baumgart, Klaus: Wirklich wahr. Breitschopf Verlag.
  • Berner, Rotraut: Wimmelbücher. Gerstenberg Verlag.
  • Fardell, John: Der Tag an dem Louis gefressen wurde. Moritz Verlag.
  • Friester, Paul: Heule Eule. Nord-Süd Verlag.
  • Genechten Guido: Kleiner weißer Fisch. Bloomsbury Verlag. (1-2 Jahre)
  • Hergane, Yvonne: Einer mehr. Peter Hammer Verlag.
  • Holzwarth, Werner: Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Peter Hammer Verlag.
  • Jacobs, Tanja: Die Eule mit der Beule. Oetinger Verlag.
  • Jakobs, Tanja: Der Biber hat Fiber. Oetinger Verlag.
  • Janisch, Heinz: Ich hab ein kleines Problem, sagte der Bär. Annette Betz Verlag.
  • Kraushaar, Sabine: Aufgewacht, die Sonne lacht. Haba.
  • Lindgren, Astrid: Nein, ich will noch nicht ins Bett. Oetinger Verlag.
  • Lindgren, Astrid: Tomte Tummetot. Oetinger Verlag.
  • Lobe, Mira: Das kleine Ich bin Ich. Jungbrunnen Verlag.
  • Mein erstes buntes Wörterbuch. FX Schmid.
  • Mini steps: Mein großes Fahrzeug Buch. Ravensburger.
  • Musznynski, Eva: Wo ist die Maus? Beltz Verlag.
  • Pavon, Mar: Ist das normal? Atlantis Verlag.
  • Rachner, Marina: Wie kleine Kinder schlafen gehen. Oetinger Verlag.
  • Schärer, Kathrin: da sein Was fühlst du? Hanser Verlag
  • Scheffler, Axel; Donaldson, Julia: Die Schnetts und die Schmoos. Beltz& Gelberg
  • Schwarz Britta: Das kleine Wutmonster. Annette Betz Verlag.
  • Schwarz, Regina: Flitze-freche Zungenbrecher. Esslinger Verlag.
  • Schwarz, Regina: Wippen, zappeln, popowackeln. Esslinger Verlag.
  • Schwarz, Regina: Zungenbrecher, Sprachsalat. Ravensburger Verlag.
  • Sodtke, Matthias: Nulli und Priesemut sind krank. Lappan Verlag.
  • Stohner, Anu und Wilson Henrike: (2005): Das Schaf Charlotte. Carl Hanser Verlag
  • Straßer, Susanne: So weit oben. Peter Hammer Verlag

Wie viele Bücher haben Sie schon vorgelesen? 

Das ist wirklich schwer zu schätzen, aber es sind sehr viele –  da kommen sicher hundert oder mehr zusammen.     

Welche Fähigkeiten können bei Kindern durch regelmäßiges Vorlesen gestärkt werden?

Zunächst werden die sogenannten Literacy-Kompetenzen gefördert, wie das Sinnverständnis, die Sprachbildung, die sprachliche Abstraktionsfähigkeit, das Symbolverständnis, das vertraut werden mit Schriftsprache, das Textverständnis, aber auch die Medienkompetenz. 
Kinderbücher sind, ganz allgemein gesprochen, der Schlüssel zu Bildung und Weltwissen. Kinder, die sich gut ausdrücken, die Perspektiven wechseln, Fragen stellen, Zusammenhänge erkennen und weiterdenken können, werden letztlich in ihrer Persönlichkeit umfassend gefördert. 

Kennen Sie schon unsere aim-Vorlesepaten?

Geschulte Vorleserinnen und Vorleser kommen zu Ihnen in die Einrichtung um den Kita- und Kindergartenkindern Geschichten vorzulesen.
Unsere Vorlesepaten sollen auch in ihre Einrichtung kommen? Tragen Sie sich jetzt in die Interessentenliste ein und erhalten sie weitere Informationen per Mail!
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Wie können pädagogische Fachkräfte und Eltern das Vorlesen in ihren Alltag integrieren?

Da gibt es sicher viele Möglichkeiten, die die pädagogischen Fachkräfte und Eltern noch besser beurteilen können. Wichtig finde ich, dass das Vorlesen einen festen Platz im Alltag eines Kindes hat, und dass es nicht nur ab und zu stattfindet. Vorleserituale vor dem Einschlafen zu Hause oder im Morgenkreis in der Kita geben Kindern Sicherheit und Orientierung. Es braucht vielleicht etwas Zeit, bis sich Kinder an ein Vorleseritual gewöhnt haben, aber es lohnt sich! Im Kindergartenalltag können ein Begrüßungslied, ein Sprechkanon oder auch ein Glöckchen die Kinder auf die Vorlesezeit einstimmen. 

Welche Tipps haben sie für Vorleser/-innen (wann wird am besten vorgelesen, wie lange, wie kann man die Stimme trainieren o.ä.)

Es gibt Faustregeln, die besagen, dass die Vorlesezeit nach dem Lebensalter der Kinder mal zwei berechnet werden kann, also beispielsweise zehn Minuten für Fünfjährige. Dies kann eine Richtschnur sein, muss es aber nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder auch länger aufmerksam sind, wenn das Buch sie anspricht, und wenn zudem das Vorlesen abwechslungsreich gestaltet ist.
Zunächst ist wichtig, dass die Vorlesenden einen guten Überblick über die Geschichte haben und sich darüber Gedanken machen, was sie mit dem Vorlesen pädagogisch erreichen wollen.
Ein Beispiel dazu ist das sogenannte dialogische Vorlesen (Vorlesegespräch), d. h. die Geschichte wird durch Gesprächsimpulse unterbrochen und bezieht dadurch die Kinder aktiv mit in die Geschichte ein. Die Vorlesegespräche ermutigen die Kinder zu eigenen Gedanken, stellen Zusammenhänge her und fördern das Sinnverständnis der Kinder. 
Ich persönlich finde es gut, wenn die Geschichten die Kinder auch dazu anregen, sich zu bewegen oder sich auszudrücken. Gefühle der Figuren in der Geschichte können zum Beispiel gut von Kindern dargestellt werden. 
Wenn die Beziehung zwischen Kindern und Vorlesenden vertrauensvoll gewachsen ist, dann können Kinder auch mit literarischen Gedichten vertraut gemacht werden. Diesbezüglich habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Kinder hören eine ihnen nicht vertraute Sprache und sind oft verwundert oder staunen über das, was sie hören. Wenn Kinder über Geschichten staunen, dann ist viel erreicht. Staunen weckt Neugier und Interesse. 
Das Vorlesen kann man lernen und üben. Die Vorlesenden brauchen ein Bewusstsein über Atem, Stimme und Prosodie (Anm.: Spracheigenschaften wie die Intonation, die Satzmelodie, das Sprechtempo, etc.). Die Vorlesenden dürfen gerne deutlich artikulieren und können mit ihrem persönlichen Ausdruck die Figuren lebendig werden lassen. In meinen Seminaren an der aim gibt es dazu viele Anregungen. 

Als aim-Dozentin leiten Sie Workshops für pädagogische Fachkräfte. Welche Themen und Inhalte liegen dabei im Fokus, und wie werden sie angenommen?  

Mein Schwerpunkt liegt auf dem kreativen, handlungsorientierten Umgang mit Kinderliteratur. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen neue Bücher kennen, die die Neugier der Kinder wecken und einen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit herstellen. Anliegen meiner Seminare ist es, die Kinder durch die Verbesserung ihrer Lesekompetenz für das Leben zu stärken. Dazu lernen sie viele Methoden kennen, wie z.B. Lesetechniken einzuüben, Stolpersteine zu kennen und natürlich motivationale Methoden, die die Leselust wecken und zum Textverständnis beitragen. Ich setze in meinen Seminaren auf die Offenheit und Bereitschaft der Teilnehmenden, sich auf innovative Konzepte der Literaturdidaktik einzulassen und die vorgestellten Methoden auszuprobieren, um sie dann in eigenen Projekten anwenden zu können. Bislang habe ich damit sehr gute Erfahrungen machen dürfen.