
Mut ist ein Muskel
Warum Zusammenhalt uns stärker macht
Was brauchen wir – und vor allem unsere Kinder und Jugendlichen – in einer Welt voller Unsicherheiten? In einer Zeit, in der Krisen zunehmen und der gesellschaftliche Ton rauer wird, kommt Bildungseinrichtungen eine besondere Verantwortung zu. Schon in der frühen Kindheit prägen Erfahrungen von Beziehung, Vertrauen und Mitbestimmung das Selbstbild. Kitas, Schulen und außerschulische Lernorte können Räume sein, in denen junge Menschen erleben, dass sie etwas bewirken können – oder sich übersehen fühlen.
Ronja von Wurmb-Seibel ist Journalistin, Filmemacherin und Autorin. Sie setzt sich dafür ein, dass wir gerade in schwierigen Zeiten Räume für Miteinander und Mitgestaltung schaffen. Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Verbundenheit, die Kraft des Miteinanders und darüber, wie wir in der Bildung Mut fördern können.
Frau von Wurmb-Seibel, Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie wir mit herausfordernden Zeiten konstruktiv umgehen können. Als Reporterin aus Krisengebieten haben Sie gelernt, auch im Umfeld schlechter Nachrichten Geschichten zu erzählen, die Mut machen. Was treibt Sie zu Ihrer Arbeit an?
Die Erfahrung, dass Geschichten die Welt verändern können. Im Kleinen, wenn sie uns mitfühlen lassen mit Menschen, denen wir noch nie begegnet sind. Im Großen, wenn sie uns zeigen, was es braucht, um mit den Krisen unserer Zeit nicht nur irgendwie umzugehen, sondern an ihnen zu wachsen.
In Ihrem Buch „Zusammen“ beschreiben Sie, was einem gesellschaftlichen Miteinander besorgniserregend gegenübersteht: die Einsamkeit. Wenn Sie einen Blick auf unser Bildungssystem werfen, wie sieht es da bei Pädagoginnen und Pädagogen und vor allem bei unseren Kindern und Jugendlichen aus?
Schule kann DER Ort sein, an dem wir Verbundenheit lernen. Zum einen, indem wir verstehen, wie wichtig es für uns Menschen ist, uns miteinander verbunden zu fühlen. Aus der Forschung wissen wir: Die Qualität unserer Beziehungen entscheidet stärker als alle anderen Faktoren darüber, wie gesund, wie glücklich und wie lange wir leben.
Es lohnt sich also, in unsere Beziehungen zu investieren, zum Beispiel mit Zeit oder Geduld oder Mitgefühl. Wenn Kinder und Jugendliche diese Zusammenhänge kennen, können sie ihr Leben anders gestalten, als wenn sie erst spät im Erwachsenenalter davon mitbekommen. Noch viel wichtiger ist aber: Schule kann ein Ort sein, an dem wir Verbundenheit tatsächlich erfahren – wenn es Pädagoginnen und Pädagogen gelingt, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Also sind ein erlerntes solidarisches Miteinander gepaart mit Einsamkeitsprävention schon in den frühen Lebensjahren wichtige Bestandteile im Bereich der Demokratiebildung?
Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen, die sich sehr einsam und von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, statistisch betrachtet anfälliger für rechtsextreme Gruppierungen sind. Das zeigen aktuelle Studien ganz konkret aus Deutschland. Rechtsextreme Gruppierungen nutzen diesen Effekt gezielt. Insofern: Ja, je verbundener sich Menschen fühlen, desto stabiler ist unsere Demokratie – und desto besser geht es uns allen.
Was meinen Sie: Wie können pädagogische Fachkräfte Mut zum Miteinander fördern, etwa wenn es um kontroverse Themen, Mitbestimmung oder Zivilcourage geht?
Zunächst einmal, indem sie es selbst vorleben. Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob wir die Dinge, die wir ihnen beibringen wollen, selbst tatsächlich leben.
Mut ist ansteckend, das haben viele Studien gezeigt, und zwar schon in seiner kleinsten Form. Wenn wir beobachten, dass andere Menschen mutig sind, werden wir selbst automatisch mutiger.
Und: Mut ist ein Muskel – er wächst, je öfter wir ihn benutzen.
Am wichtigsten finde ich aber, den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass sie die Welt um sich herum tatsächlich verändern können: in kleinen Schritten, aber beharrlich. Zum Beispiel, indem sie tatsächlich mitentscheiden dürfen über bestimmte Bereiche des Unterrichts oder der Schule als Ganzem. Die meisten Menschen werden aktiver und engagierter, sobald sie merken, dass ihr Handeln einen Unterschied macht. Kindern diese Erfahrung zu ermöglichen, scheint mir das vielleicht Wichtigste zu sein, was wir ihnen auf ihrem Weg mitgeben können.
Warum fehlt uns der Mut, Veränderung durch mehr Gemeinschaft einzuleiten – und somit auch Zusammenhalt zuzulassen?
Ich erlebe es nicht so, dass der Mut fehlt. Es gibt sehr viele Menschen, die sich gesellschaftlich engagieren, sich verbünden und versuchen, Menschen zusammenzubringen. Ihre Stimmen sind nicht immer die lautesten in Medien und Politik, deswegen ist es leicht, sie zu übersehen. Aber sie sind da.
Einzelne Menschen, die sich sehr einsam fühlen, kann es aber natürlich sehr viel Kraft kosten, auf andere zuzugehen und sich zu öffnen. Wenn wir uns isoliert fühlen, geht unser Körper in eine Art Alarmmodus über: Wir misstrauen anderen Menschen und sind vorsichtiger. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Einsamkeit nicht stigmatisieren, sondern als das behandeln, was es ist: ein menschliches Gefühl, das wir alle kennen und das uns zeigt, dass wir gerade weniger Verbundenheit erleben, als wir es uns wünschen.
Einsamkeit ist ein Signal, so wie Hunger. Deshalb ist es wichtig, dass wir Einsamkeit als Gefühl nicht unterdrücken. Je besser wir verstehen, was wir tun können, wenn wir uns einsam fühlen, desto einfacher wird es, das Gefühl von Einsamkeit nicht als etwas Bedrohliches zu sehen, sondern als ein Signal, das uns hilft, unseren Alltag so zu verändern, dass es uns wieder gut geht.
Zum Abschluss: Sie sprechen oft über die Kraft von Fragen. Welche Frage könnte Ihrer Meinung nach ein Anstoß für mehr Mut im Miteinander sein?
Wenn du wüsstest, dass alle Menschen um dich herum dich dabei unterstützen: Welche Veränderung würdest du gern in unserer Gesellschaft anstoßen?
Mit dem aim Bildungsnavi auf Kurs bleiben!

Neben Kurs-Highlights und weiteren hilfreichen Angeboten enthält unser aim Bildungsnavi inspirierende Gastbeiträge, spannende Interviews und jede Menge wertvoller Impulse, die Sie weiterbringen. Zur digitalen Ausgabe gelangen Sie mit nur einem Klick – sehr gerne können Sie sich auch ein gedrucktes Magazin bei uns in der aim abholen und mitnehmen!
Jetzt PDF downloaden


