
Gute Orte für Kinder sind gute Orte für uns alle
Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach über neue Wege des Miteinanders
Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach ist Professor für Politikwissenschaft an der FH Münster. Mit Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani und Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier veröffentlichte er das Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft“. Bei der aim Bildungskonferenz 2025 hielt er die Opening Keynote und plädierte eindrucksvoll für mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Kinder.
Sie sprechen sich stark dafür aus, dass Kinder in unserer alternden Gesellschaft dringend ins Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Denkens gerückt werden müssen: Was können wir tun?
Es fängt damit an, dass wir Kindern wirklich zuhören; das machen wir nämlich nur sehr eingeschränkt. Stattdessen glauben wir zu wissen, was Kinder brauchen, ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Diese einfache Erkenntnis macht deutlich, dass ein tiefgreifender Kulturwandel notwendig ist. Wenn wir die Strukturen daran ausrichten, was Kinder als Minderheit in der alternden Gesellschaft brauchen, dann würden diese sehr anders aussehen. Das wird besonders augenfällig am Beispiel Schule.
Heute sind Schulen häufig abgeschlossene Sonderumwelten, die wenig mit dem Leben im Stadtteil verbunden sind – also mit jenem Ort, an dem Kinder einen Großteil ihres Alltags verbringen, Nachbarschaft erleben und Spiel-, Sport- und Freizeitangebote wahrnehmen können. Daher muss Schule als Ort, an dem Kindheit schon allein zeitlich in bedeutendem Ausmaß stattfindet, sinnvoll weiterentwickelt werden. In unserem Buch schlagen wir vor, Schulen zu Community-Zentren auszubauen, als eine Art Stadtteilcampus, bei dem die verschiedenen sozialen und kulturellen Einrichtungen, Vereine und Initiativen systematisch verknüpft werden, gemeinsam zur Nachmittagsbetreuung beitragen und allesamt mit Schule kooperieren. Schule wird damit einerseits entlastet, andererseits der Alltag von Kindern mit den vielen Ressourcen unserer Gesellschaft bereichert.
Stellen wir es uns vor: Die Schule profitiert von Lesepatenprogrammen bei der Leseförderung, Kinder nehmen zum Beispiel am wöchentlichen Training der freiwilligen Feuerwehr teil, Vereine finden Nachwuchs, Eltern und Großeltern finden dort ebenso Platz und sind in das Campusleben eingebunden. Am Ende profitieren alle – aber dafür braucht es einen anderen organisatorischen Ansatz, bei dem Schule auch etwas von ihrer Gestaltungskompetenz abgeben darf. Damit solche Konzepte Realität werden, braucht es mutige Macherinnen und Macher, die nicht nur zeigen, dass es geht, sondern auch, wie es geht.
Wenn Kinder die meiste Zeit in der Schule verbringen und es an zusätzlichen Ressourcen mangelt: Wer könnte helfen?
Die alternde Gesellschaft wird in politischen und medialen Debatten häufig als Herausforderung thematisiert: steigende Pflegekosten, Rentenlasten, Ärztemangel dominieren. Dabei übersehen wir ein enormes gesellschaftliches Potenzial, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Denn die heutige Großelterngeneration hat historisch einmalige Voraussetzungen: Sie ist nicht nur zahlenmäßig groß, sondern auch vergleichsweise gesund, gut gebildet, mobil, finanziell besser abgesichert als vorherige Generationen – und vielfach technikkompetent. Diese Potenziale könnten wir nutzen, um die Lebensbedingungen junger Menschen zu verbessern. Das gelingt aber nicht einfach so oder durch bloßes Hoffen auf ehrenamtliches Engagement.
Wir brauchen eine Strategie: Ziel sollte es sein, mindestens zehn Prozent der sogenannten Boomer-Generation für ein Engagement mit Kindern und Jugendlichen zu gewinnen. Dafür sind gezielte Ansprache durch Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Stiftungen notwendig, aber auch Anreize. Neben Honoraren oder Steuervorteilen wirken auch öffentliche Anerkennung, sichtbare Wertschätzung oder die Einbindung in Strukturen wie Community-Zentren. Bislang überlassen wir es noch dem Zufall, ob jemand mit dem Renteneintritt aktiv wird. Doch Engagement muss nicht immer regelmäßig und zeitlich festgelegt sein. Auch projektförmige oder bedarfsorientierte Formate sind möglich: Lesepatenschaften, handwerkliche Einblicke, Vorlesestunden in Kitas, Hausaufgabenhilfe, Mentoring oder gemeinsames Kochen und Gärtnern im Stadtteil. Community-Zentren bieten hier ideale Anknüpfungspunkte.
Wichtig ist: Ein solches Engagement nützt nicht nur den Kindern. Auch Ältere profitieren. Sie erleben Sinn, Zugehörigkeit und Wirksamkeit im Ruhestand. Studien zeigen, dass soziales Engagement im Alter das Wohlbefinden steigert, Einsamkeit reduziert und die eigene Lebenszufriedenheit erhöht. Kurz gesagt: Eine engagementfreundliche Gesellschaft tut allen gut.
Wenn es gelingt, einen signifikanten Teil der älteren Generation einzubinden, stärken wir nicht nur Kinder in ihrer Entwicklung – wir fördern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob wir es uns leisten können, diese Ressource zu mobilisieren. Sondern: Können wir es uns leisten, es nicht zu tun?
Im Idealfall zahlt also die Einbindung der Älteren auf den Lernerfolg der Kinder ein: Was macht Ihnen konkret Hoffnung?
Wir sollten uns bewusst machen, was es konkret bedeutet, wenn sich mehr Menschen in und um Schule engagieren: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Kinder gesehen, begleitet und individuell gefördert werden. Das ist keine bloße Behauptung, sondern wissenschaftlich gut belegt.
Die UWE-Studien unter Leitung von Klaus Peter Strohmeier zeigen anhand umfassender Befragungen von Schülerinnen und Schülern der 4., 7. und 9. Klassen in mehreren Kommunen: Kindern geht es messbar besser, wenn es eine erwachsene Person gibt, der sie wichtig sind. Ihr subjektives Wohlbefinden steigt – und mit ihm indirekt auch die schulische Motivation und Leistungsbereitschaft. Diese Erkenntnis sollten wir mit der Überlegung verbinden, ältere Menschen gezielt in Community-Zentren für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu gewinnen. Denn wer mit Interesse, Zeit und Lebenserfahrung auf Kinder zugeht, kann genau diese fehlende Bezugsperson werden – unabhängig von Herkunft oder Bildungsstand der Kinder. Oder ihrer Familien. Es liegt daher nahe, dass Ältere eine wichtige Rolle im Alltag von Kindern spielen können – wenn wir die nötigen Strukturen dafür schaffen.
Das erfordert aber ein Umdenken. Wir dürfen Kindheit nicht länger isoliert betrachten als Aufgabe von Kita, Schule oder Jugendhilfe allein. Wir müssen integrierte Lösungen entwickeln, in denen Bildung, Nachbarschaft, Familie und freiwilliges Engagement zusammenwirken. Die Alltagsorte von Kindern – häufig Schulen oder im besten Fall Community-Zentren – dürfen keine abgeschotteten Inseln mehr sein. Sie müssen zu Mittelpunktsorten gesellschaftlicher Aufmerksamkeit werden. Und genau hier kann die ältere Generation eine zentrale Rolle einnehmen. Eine kindgerechte Gesellschaft ist möglich, wenn wir die alternde Gesellschaft als Ressource begreifen. Noch sind wir davon weit entfernt. Aber es ist möglich. Und angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen auch dringend nötig.
Mit dem aim Bildungsnavi auf Kurs bleiben!

Neben Kurs-Highlights und weiteren hilfreichen Angeboten enthält unser aim Bildungsnavi inspirierende Gastbeiträge, spannende Interviews und jede Menge wertvoller Impulse, die Sie weiterbringen. Zur digitalen Ausgabe gelangen Sie mit nur einem Klick – sehr gerne können Sie sich auch ein gedrucktes Magazin bei uns in der aim abholen und mitnehmen!
Jetzt PDF downloaden



