Kleine Forscher, große Aha-Erlebnisse

Beitrag von Michael Klitzsch

Die produktive Partnerschaft zwischen aim und der Stiftung „Haus der kleinen Forscher” für gute frühe MINT-Bildung zeigt sich auch bei der aim Bildungskonferenz 2023: Denn die auf der Konferenz diskutierten Kompetenzen von morgen werden schon heute in der frühkindlichen Bildung angelegt. Worauf es dabei ankommt und wie eine sich vergrabende Kröte alltagsintegrierte Sprachförderung auslösen kann, darüber haben wir mit Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Haus der kleinen Forscher”, gesprochen.

Unser Redakteur Michael Klitzsch schaut sich für Sie regelmäßig in der Bildungslandschaft um und gibt Einblicke in die Arbeit der aim. 

Dieser Beitrag ist vor der Namensänderung entstanden. Die Stiftung „Haus der kleinen Forscher" heißt nun Stiftung Kinder forschen. Weitere Informationen hier. 05|2023

Redaktion: Herr Fritz, die Stiftung „Haus der kleinen Forscher” ist als größte Fortbildungsinitiative für Kita, Hort und Grundschule Teil der aim-Bildungskonferenz 2023 unter dem Motto „Kompetenzen heute und morgen”. Inwiefern ist das Thema Kompetenzen für Ihre Stiftung wichtig? Welche Grundsteine in Bezug auf Kompetenzen können schon in der Kita gelegt werden?

Michael Fritz: Die Welt ist eine, die sich schnell verändert, das wird so weitergehen und im Tempo eher zunehmen. Die wichtigste Fähigkeit von Menschen in Zukunft wird sein, mit Veränderungen konstruktiv umzugehen. Diese Fähigkeit hat man von Geburt und sie muss in Bildungseinrichtungen gefördert werden. Die erste Bildungseinrichtung, die hier viel erreichen kann, ist die Kita. Sie kann die Kinder darin stärken, mit dem Unbekannten offen umzugehen, Neugier zu wecken und Neugier aufrechtzuerhalten. Sie kann dabei unterstützen, dass sich Kinder mit Dingen, die „frag-würdig” – im Wortsinn – sind, auseinanderzusetzen und sie zu verstehen. Der Umgang mit Natur und Technik ist dabei etwas ganz Natürliches. Diese Kontaktaufnahme der Kinder positiv zu begleiten, so dass die Kinder die Erfahrung machen „Oh, das macht Spaß, das kann ich!”, das ist Teil unserer Arbeit. Wir von unserer Stiftung wünschen uns, dass das Kind später mit diesen Erfahrungen in die Welt geht und sagt: „Egal was da kommt, wir schaffen das.”

„Die erste Bildungseinrichtung, die erreichen kann mit Veränderungen konstruktiv umzugehen, ist die Kita. Sie kann die Kinder darin stärken, mit dem Unbekannten offen umzugehen, Neugier zu wecken und Neugier aufrechtzuerhalten.“

Michael Fritz

Redaktion: Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie solche Basiskompetenzen unterstützende Arbeit in Kitas aussehen kann?

Michael Fritz: Ja, es gibt ein gutes Beispiel aus einer Kita, da kam im November vergangenen Jahres ein Kind zur Kita-Leiterin und erzählte aufgeregt: „Draußen im Garten gräbt sich gerade ein Frosch in die Erde ein!” Die Kitaleiterin ging mit dem Kind dann zu der im Garten der Kita und tatsächlich grub sich dort eine Kröte in den Boden ein. Andere Kinder und Kita-Erzieher/-innen wurden hinzugeholt – und dann entstanden echte Fragen: Warum macht diese Kröte das? Hat sie Angst vor uns? Macht sie das, weil es da was zu essen gibt? Leben Kröten unter der Erde? Macht sie da Winterschlaf? Daraufhin sind die Kinder mit den Kita-Erzieher/-innen ins Internet gegangen und haben Antworten auf ihre Fragen gesucht. Am nächsten Tag sind sie in die Bibliothek gegangen und haben Bücher ausgeliehen. Schließlich haben sie verstanden, was das für ein Tier ist. Dass es jetzt tatsächlich in die Winterruhe startet und Schutz braucht. Und daraus ist dann wieder ein bewusstes Handeln geworden: „Achtung, in diesem Garten wird jetzt eine Kröte für längere Zeit versteckt sein. An dieser Stelle sollten wir mindestens nicht buddeln.” Die Kinder haben mit den Erzieher/-innen Verantwortung für das Tier übernommen, für die Natur und ihr Verhalten entsprechend ausgerichtet. Was da im Kleinen sichtbar wird, ist das, was wir von uns Erwachsenen ja auch wollen. Wir erkennen etwas in unserer Umwelt und wir können damit auf verschiedene Art und Weise umgehen. Wir können sie schützen oder wir können ihre Ressourcen verbrauchen. Aber wir müssen informiert sein, die Sachlage kennen, MINT-Bildung haben, um dann unser Verhalten bewusst und absichtsvoll steuern zu können. So können wir dann einen Beitrag zum Schutz und Erhalt dieser Welt leisten. 

„Spielen ist das Lernen des Kindes. Das Spiel ist Auseinandersetzung mit sich, mit anderen und mit der Welt. Und mit jeder Auseinandersetzung macht das Kind Erfahrungen, verarbeitet diese Erfahrungen und ist hinterher auf eine Art und Weise schlauer, weiter, kompetenter.“

Michael Fritz

Redaktion: In Deutschland wird und wurde viel darüber debattiert, wie viel Kinder in der Früherziehung schon lernen sollten. Oft stehen sich hier Extreme gegenüber: die eine Seite, die eine sehr konzentrierte Förderung fordert, die andere, die sagt, das Kind soll in diesem jungen Alter vor allem frei spielen. Welchen Blick haben Sie auf diese Debatte?

Michael Fritz: Spielen und Lernen werden in der deutschen Tradition als Gegensätze verstanden, dabei wissen wir nicht erst seit heute, sondern durch Maria Montessori und andere: Spielen ist das Lernen des Kindes. Das Spiel ist Auseinandersetzung mit sich, mit anderen und mit der Welt. Und mit jeder Auseinandersetzung macht das Kind Erfahrungen, verarbeitet diese Erfahrungen und ist hinterher auf eine Art und Weise schlauer, weiter, kompetenter. Somit gilt es für uns als Erwachsene, jede für die Kinder relevante Situation zu unterstützen. Unser Job ist es, die Impulse, Fragen und das Interesse des Kindes ernst zu nehmen und es dabei zu fördern, Kompetenzen zu erlangen. Und da greift dann die direkte Kompetenzförderung, wie beim genannten Beispiel mit der Kröte: Die Kinder fragten sich: Wie heißt denn das Tier eigentlich? Ist das ein Frosch oder eine Kröte? Und als sie wussten, es handelt sich um eine Kröte – was ist es für eine Kröte? Eine Warzenkröte? Eine Wasserkröte? Das ist nichts anderes als Sprachförderung. Implizite, alltagsintegrierte Sprachförderung. Ich plädiere daher dafür, sich nicht am künstlichen Widerspruch zwischen Spielen und Lernen aufzuhalten, sondern sich den Themen zu widmen, die für die Kinder relevant sind, an denen sie ihre vielfältigen Kompetenzen entwickeln. 

Kooperation: aim & „Haus der kleinen Forscher"

Mit der aim und der Stiftung „Haus der kleinen Forscher” haben sich zwei potente Kooperationspartner gefunden, um zusammen den Bereich frühe MINT-Bildung (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sowie die Bildung nachhaltiger Entwicklung voranzubringen. Die aim gestaltet und organisiert als Netzwerkpartner von „Haus der kleinen Forscher“ in der Region Heilbronn-Franken sowie Rhein-Neckar-Odenwald ein umfangreiches Programm an Seminaren und Bildungsangeboten zur Förderung pädagogischer Fachkräfte in Kita und Grundschule. Hierbei lernen und vertiefen die Erzieher/-innen und Lehrer/-innen ihre Kenntnisse im Bereich frühe MINT-Bildung. 
            
Diese Form von MINT konzentriert sich darauf, den Forschergeist junger Kinder zu fördern. Dafür braucht es kein Labor, stattdessen wird mit Praxisideen und Experimenten gearbeitet, die mit bekannten Gegenständen aus dem Alltag funktionieren. So kommen die Kinder ins Entdecken und ins forschende Lernen, gehen gezielt Fragen nach – und begegnen so ganz natürlich naturwissenschaftlichen Phänomenen, technischen Fragen und Konzepten der Nachhaltigkeit.
 
Auch der Bereich Bildung Nachhaltiger Entwicklung (BNE), der als weltweite Initiativer der UNESCO 2015 begann, spielt bei den Bildungsangeboten der aim und der Stiftung „Haus der kleinen Forscher" eine wichtige Rolle, insbesondere in Kitas. Hierbei werden Kinder an Themen wie Rohstoffe, Ernährung, Produktion und Konsum, Gleichberechtigung, Mobilität und kulturelle Vielfalt herangeführt. Die Angebote von aim und „Haus der kleinen Forscher” wollen Einrichtungen und Fachkräften dabei unterstützen BNE als ganzheitliches Konzept wirksam umzusetzen. Neben Fortbildungen für Pädagoginnen und Pädagogen gibt es auch spezielle Angebote für Kita-Leitungen, die bei der ganzheitlichen Umsetzung von BNE eine besondere Rolle spielen.
 
Neben den Fachkräften selbst können sich auch ganze Einrichtungen regelmäßig zum Themenfeld MINT (weiter-)qualifizieren und sich so als „Haus der kleinen Forscher“ zertifizieren lassen. Nach einer erfolgreichen Zertifizierung vergibt die aim eine entsprechende Urkunde sowie eine hochwertige Plakette zur repräsentativen Darstellung nach außen.

Zum Programm „Haus der kleinen Forscher"

Redaktion: Welche Themen interessieren Sie besonders im Kontext der aim-Bildungskonferenz? Zu welchen Themen und Fragestellungen wünschen Sie sich einen anregenden Austausch?

Michael Fritz: Heute gut dazustehen, heißt nicht unbedingt morgen gut dazustehen. Mit der Welt verändern sich auch die Herausforderungen für die Kinder und damit auch ein Stück weit die Kompetenzen, um in einer veränderten Welt leben und bestehen zu können. Das bedeutet, dass auch Bildung sich verändern muss. Und das finde ich spannend: Wie schaffen wir es als gute Bildungseinrichtung uns so weiterzuentwickeln, dass wir auch morgen noch eine gute Bildungseinrichtung sind? Ich denke in diesem Kontext wird etwa das Thema sozial-emotionale Kompetenz eine immer wichtigere Rolle spielen, um sich mit sich, mit anderen und mit der Welt auseinandersetzen zu können. Auch einen breiten Bildungsbegriff weiter zu entwickeln, der sich nicht auf Lesen, Schreiben und Rechnen beschränkt, halte ich für essentiell. Und dann ist da natürlich die digitale Welt. Der Umgang mit digitalen Medien wird immer mehr der Standard: Zoomen mit der Oma ist mindestens so selbstverständlich wie der Besuch bei der Oma. Sich im Internet im Garten per Handy über die Winterruhe der Kröte zu informieren, ist mindestens so selbstverständlich wie der Besuch der Bücherei. Diese Entwicklung konstruktiv zu sehen und nicht als Problem halte ich ebenfalls für wesentlich. In diesem Sinne bin ich gespannt und freue mich auf die Gespräche auf der Bildungskonferenz.

Redaktion: Herr Fritz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Michael Fritz ist seit 2013 Vorstand der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“, die sich für gute frühe Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik einsetzt. Als Vorstandsvorsitzender hat Michael Fritz vor allem die Umsetzung der strategischen Ziele der Stiftung und damit die inhaltliche, pädagogische und wissenschaftliche Seite der Stiftungsarbeit im Blick.