Der rhythmisierte Ganztag

Ein guter (Schul-)Tag für Kinder

Anna Fröhlich leitet die Grundschule Westersburg in Solingen. Auf der aim Biko 2025 hielt sie den Impulsvortrag “Beziehungsnaher Übergang von der Kita in die Grundschule”. Als Coachin, Referentin und Schulbuchautorin bringt sie ihre Expertise regelmäßig in Fortbildungen und Fachveranstaltungen ein. Ihr zentrales Anliegen: Bindung vor Bildung – ein pädagogischer Ansatz, der Kinder in ihrer Entwicklung ganzheitlich stärkt und ihnen einen sicheren Start ins Schulleben ermöglicht. 

Von Anfang an: Kindgerechtes Lernen im Ganztag 

In unserer Grundschule beginnt mit dem Start der ersten rhythmisierten Ganztagsklasse ab Jahrgang 1 im Schuljahr 2025/26 ein bewusst gestalteter, neuer Weg: Ein ganztägiges Bildungsangebot, das nicht nur mehr Zeit zur Verfügung stellt, sondern diese Zeit auch anders strukturiert: näher an den Bedürfnissen der Kinder, eingebettet in verlässliche Beziehungen und getragen von multiprofessioneller Zusammenarbeit.  

Der rhythmisierte Ganztag stellt dabei keine Verlängerung des Unterrichts und auch keine reine Betreuung am Nachmittag dar. Vielmehr entsteht ein Lern- und Lebensraum, in dem sich Unterricht, Spiel, Bewegung, Ruhe, Kreativität und Beziehung organisch abwechseln, und zwar über den gesamten Schultag hinweg.

 

Rhythmus statt Taktung: Anspannung und Entspannung im Wechsel 

Zentral für das Verständnis des rhythmisierten Ganztags ist der Gedanke des pädagogisch gestalteten Wechsels zwischen Anspannung und Entspannung. Anders als im klassischen Modell, in dem der Vormittag als reiner Unterrichtsblock gilt und der Nachmittag als Ruhe- oder Spielzeit verstanden wird, denken wir den Schultag von Anfang an ganzheitlich: Lernphasen wechseln sich mit Ruhe- oder Bewegungsphasen ab, kognitive Anforderungen stehen nicht dauerhaft im Mittelpunkt, sondern sind eingebettet in einen Wechsel aus Aktivierung und Entlastung. 

Kinder erleben so kein „Durchhalten bis zur Pause“, sondern einen in sich stimmigen Tag, der ihren körperlichen, sozialen und emotionalen Bedürfnissen gerecht wird.

Bewegungs- oder Kreativangebote sind nicht „Belohnung“ nach getaner Arbeit, sondern gleichwertige Bestandteile des Lernens. Diese Haltung zeigt sich auch im Umgang mit sogenannten Übergangszeiten:  
Das Ankommen, die gemeinsame Frühstückszeit, das Mittagessen und der Abschluss des Tages sind achtsam und ritualisiert gestaltet – denn auch diese Phasen sind Lerngelegenheiten im sozialen und emotionalen Bereich. 

 

Ein starkes Team: Zwei Professionen, ein pädagogischer Auftrag 

Ein wesentliches Merkmal des rhythmisierten Ganztags an unserer Schule ist die feste Teamstruktur. Eine RGS-Klasse (RGS steht für Rhythmisierte Ganztagsschule) wird von zwei festen Bezugspersonen begleitet: einer Klassenlehrkraft und einer pädagogischen Fachkraft aus dem Ganztagsbereich. Beide sind im Tagesablauf fest eingebunden und gestalten den Tag gemeinsam – nicht nur organisatorisch, sondern inhaltlich und pädagogisch. Es gibt regelmäßig feste Teamzeiten zur Reflexion, zur Planung von Elterngesprächen oder zur gemeinsamen Gestaltung von Ausflügen, Feiern oder Projekten. 

Die Kinder erleben so eine verlässliche und durchgehende Beziehungskontinuität, was besonders im Grundschulalter von unschätzbarem Wert ist. Es entsteht ein Umfeld, in dem sich Kinder gesehen, begleitet und ernst genommen fühlen und zwar nicht nur im Unterricht, sondern auch im sozialen Miteinander, in Konflikten, im Spiel oder bei Herausforderungen. Die Zusammenarbeit im Team ist dabei mehr als ein Nebeneffekt: Sie ist Kern des Konzepts.

Ganztag ist nicht gleich Ganztag

Anna Fröhlichs Beitrag eröffnet einen Blick über den Tellerrand: Denn während Ganztagsschulen in vielen Bundesländern etabliert sind, ist der rhythmisierte Ganztag – also die bewusste Verzahnung von Unterricht, Freizeit, Bewegung und Erholung über den gesamten Schultag hinweg – nicht überall schulrechtlich verankert. Umso spannender ist dieses Praxisbeispiel aus Nordrhein-Westfalen.

Elternarbeit im Tandem: Transparent, nah und verlässlich 

Durch die enge Teamstruktur verändert sich auch die Zusammenarbeit mit den Eltern. Elternabende, Sprechtage, individuelle Gespräche oder Rückmeldungen werden gemeinsam vorbereitet und durchgeführt. Eltern erleben, dass sich zwei pädagogische Fachkräfte aus unterschiedlichen Professionen gemeinsam um ihr Kind kümmern – jede mit eigenem Blick, aber mit einem gemeinsamen Ziel. So entsteht ein breiteres Bild vom Kind, das über schulische Leistungen hinaus auch das emotionale Erleben, das Sozialverhalten und die individuelle Entwicklung berücksichtigt. 

In Elterngesprächen wird nicht nur gefragt: „Wie läuft es im Matheunterricht?“, sondern auch: „Wie kommt Ihr Kind im sozialen Miteinander zurecht? Was braucht es, um sich wohlzufühlen?“ Diese Multiperspektivität macht Elternarbeit persönlicher, konkreter und verbindlicher. 

 

Feste Strukturen und Raum für Individualität

Der rhythmisierte Ganztag folgt einem klar strukturierten Tagesablauf, in dem sich die Kinder orientieren können. Feste Zeiten, wiederkehrende Rituale und eine verlässliche Rhythmisierung zwischen Aktivität und Ruhe geben Halt, entlasten und fördern Selbstständigkeit. Gleichzeitig bleibt Raum für individuelle Förderung, kreative Projekte oder spontane Themen, die sich aus dem Schulalltag heraus ergeben. 

Der Unterricht selbst ist ebenfalls verzahnt mit dem Rhythmus des Tages: Fachunterricht ist nicht auf den Vormittag beschränkt, sondern wird über den Tag verteilt – auch am Nachmittag. Dadurch entstehen kleinere Lernfenster mit mehr Ruhe, weniger Hektik und mehr Zeit für Vertiefung. Gleichzeitig begegnen wir damit der realen Herausforderung, dass im Rahmen der Ganztagsverpflichtung auch am Nachmittag verlässlich unterrichtet wird. Unsere schulinterne Lösung sieht deshalb vor, dass Unterrichtszeiten flexibel geplant werden und Teamabsprachen auch Vertretungsszenarien mitdenken. 

 

Ein Lern- und Lebensraum, der trägt 

Der rhythmisierte Ganztag ist für uns nicht einfach eine neue Schulstruktur, sondern Ausdruck einer pädagogischen Haltung: Wir trauen Kindern zu, mit Freude zu lernen, wenn sie sich sicher fühlen.

Wir wissen, dass Lernen mehr ist als Lesen und Rechnen – es ist auch Beziehung, Bewegung, Stille, Spiel und Mut zur Eigenständigkeit. All das braucht Zeit, Raum, Struktur – und Menschen, die begleiten, nicht nur unterrichten. 

Mit der Einführung der ersten rhythmisierten Ganztagsklasse ab Klasse 1 stellen wir uns dieser Aufgabe – überzeugt, dass dieser Weg Kindern guttut. Und sicher, dass sich Schule so anfühlen darf wie ein guter Tag: abwechslungsreich, beziehungsstark, klar und zugewandt.