
Demokratiebildung in der Kita: Warum frühe Mitbestimmung für Kinder wichtig ist
Partizipation ist keine Frage des Alters. Davon ist Fea Finger überzeugt. Die Pädagogin und aim-Dozentin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Demokratiebildung in der frühen Kindheit und der Frage, wie Kinder im Kita-Alltag erleben können, dass ihre Stimme zählt.
Im Interview erläutert Fea Finger, warum frühe Mitbestimmung für die Persönlichkeitsentwicklung so prägend ist, wie Fachkräfte Beteiligung auch unter herausfordernden Bedingungen ermöglichen können und welche Rolle die eigene Haltung dabei spielt.
Frau Finger, sie leiten in der aim den Kurs „Mitbestimmen, mitgestalten – Demokratiebildung kindgerecht umsetzen“. Warum ist es wichtig, dass Kinder schon in der Kita erleben, was Mitbestimmung und Teilhabe bedeuten?
Kinder nehmen aus allem, was wir tun und sagen, eine Botschaft mit. Sie erleben, ob sie wahrgenommen, gehört und gesehen werden, ziehen Rückschlüsse und entwickeln daraus ihr Selbstbild. Deshalb ist es wichtig, ihnen gleichwürdig und zugewandt zu begegnen, wie es auch in den Kinderrechten festgeschrieben ist: in allen Belangen, die ihr eigenes Leben betreffen und entsprechend ihrem Entwicklungsstand.
Diese Erfahrungen prägen, ob Menschen später spüren, dass ihre Stimme in der Gesellschaft zählt und sie etwas bewirken können. Gleichzeitig lernen Kinder durch Beteiligung, wie Aushandlungsprozesse funktionieren: Wer hat welche Meinung? Wem ist was wichtig? Wie können wir uns einigen? Das alles erfahren Kinder, wenn sie im Alltag, im Hier und Jetzt, von Erwachsenen wirklich miteinbezogen sind.
Sie beschreiben Demokratiebildung als kontinuierlichen Prozess im Kita-Alltag. Wie kann dieser konkret aussehen, auch unter herausfordernden Rahmenbedingungen?
Demokratiebildung beginnt meist damit, dass Fachkräfte ihre bestehenden Strukturen und Routinen bewusst hinterfragen. Viele Abläufe gelten lange als gesetzt, obwohl sie veränderbar wären. Das zeigt sich oft in kleinen Alltagssituationen, etwa wenn Krippenkinder sich selbst Essen schöpfen oder vor dem Wickeln gefragt werden.
Gerade unter herausfordernden Rahmenbedingungen ist es wichtig, genau hinzusehen: Welche Strukturen sind tatsächlich notwendig und welche erzeugen eher Stress oder unterbrechen Kinder im Spiel? In der Praxis zeigt sich häufig, dass weniger feste Vorgaben mehr Raum für Beteiligung schaffen. Auch wenn Rahmenbedingungen bestehen bleiben müssen, lassen sich Spielräume nutzen. Der Zeitpunkt des Mittagessens ist meist vorgegeben, aber was ein Kind isst, wie viel es isst oder wann es aufsteht, kann häufig selbst entschieden werden.
Ein zentraler Aspekt ist das Thema Sicherheit. Neben der körperlichen Sicherheit sollte auch die seelische Sicherheit der Kinder stärker berücksichtigt werden. Kinder reagieren sensibel auf Tonfall, Mimik und Gestik. Wenn sie immer wieder ermahnt werden, sendet das Botschaften, die ihr Selbstbild beeinflussen. Deshalb lohnt es sich, Regeln zu überprüfen und zu fragen, ob sie wirklich notwendig sind oder ob es kindgerechtere Lösungen gibt. Weil sich solche Fragen im Alltag ständig neu stellen und viele Veränderungen ineinandergreifen, bleibt Demokratiebildung ein kontinuierlicher Prozess.
Demokratie im Kita-Alltag zeigt sich besonders im Umgang mit Konflikten. Wie können pädagogische Fachkräfte Kinder dabei unterstützen und welche Haltung ist dafür entscheidend?
Wenn Konflikte entstehen, hilft es zunächst, zu benennen, was gerade passiert. Werden Gefühle und Bedürfnisse aller Beteiligten wahrgenommen und ausgesprochen, bekommen Kinder ein besseres Gespür für sich selbst und für andere. Sie erleben, dass unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen dürfen. Auf dieser Grundlage finden Kinder häufig eigene Lösungen oder Kompromisse. Wenn das nicht gelingt, können Fachkräfte moderierend unterstützen und Impulse geben.
Entscheidend ist dabei die Haltung der Erwachsenen. Eine demokratische Haltung bedeutet, Kindern mit Gleichwürdigkeit zu begegnen. Alle Menschen haben von Geburt an die gleiche Würde, unabhängig vom Alter. Die Interessen, Gefühle und Bedürfnisse von Kindern haben deshalb das gleiche Gewicht wie die der Erwachsenen, auch wenn Letztere Verantwortung für Entscheidungen tragen. Diese Haltung zeigt sich im Alltag ganz konkret: im Zuhören, im Ernstnehmen nonverbaler Signale und in der Bereitschaft, in einen offenen Dialog zu treten. Fachkräfte können sich dabei selbst reflektieren, etwa mit der Frage, welchen Kindern sie im Alltag besonders aufmerksam zuhören und bei welchen sie dies seltener tun.
Pädagogische Fachkräfte dürfen darüber hinaus nicht neutral sein. In einer Zeit, in der Ausgrenzung und vereinfachende Lösungen wieder an Zuspruch gewinnen, braucht es eine klare Position gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und für Vielfalt und Teilhabe. Diese Haltung gemeinsam im Team zu reflektieren und in der Praxis umzusetzen, ist anspruchsvoll, aber notwendig, um allen Kindern gerecht zu werden.
Demokratiebildung braucht also Vertrauen und eine klare Haltung. Was hilft pädagogischen Fachkräften, Beteiligung im Team umzusetzen, und warum ist das gesellschaftlich so bedeutsam?
Ich setze an dieser Stelle beim Thema Adultismus an. Adultismus bezeichnet das Machtungleichgewicht zwischen Erwachsenen und Kindern sowie die Diskriminierung von Kindern allein aufgrund ihres Alters. Dieses Ungleichgewicht prägt viele pädagogische Strukturen und wirkt sich auf einzelne Kinder ebenso aus wie auf unsere Gesellschaft insgesamt. Wenn Fachkräfte dieses Machtverhältnis erkennen und reflektieren, wird Partizipation zu einer logischen Konsequenz. Dann geht es weniger um die Frage, ob oder ab welchem Alter Kinder beteiligt werden können, sondern um die Verantwortung von Erwachsenen. Diese Verantwortung besteht darin, Kinderrechte umzusetzen und demokratisches Denken erfahrbar zu machen.
Im pädagogischen Alltag zeigt sich diese Haltung ganz konkret. Teams verändern Abläufe, wenn sie merken oder von Kindern rückgemeldet bekommen, dass bestehende Strukturen nicht passen. Fachkräfte beziehen Position, wenn sie erleben, dass Macht auf Kosten von Kindern ausgeübt wird. Auch das fortlaufende Hinterfragen des eigenen Handelns gehört dazu. Darüber hinaus hat diese Arbeit eine gesellschaftliche Dimension und eine politische Komponente. Ich erlebe, dass das für manche Fachkräfte ein neuer und nicht immer einfacher Gedanke ist. Doch gerade in der aktuellen Zeit halte ich es für unabdingbar, sich damit auseinanderzusetzen. Es braucht uns jetzt alle.
INFOVERANSTALTUNG
Klare Haltung, sichere Kita: Partizipation leben, Kinder stärken und Kinderschutz institutionell verankern
Die Informationsveranstaltung bietet einen strukturierten Einblick in Aufbau, Ablauf und Besonderheiten des Blended-Learning-Kurses „Klare Haltung, sichere Kita: Partizipation leben, Kinder stärken und Kinderschutz institutionell verankern“.
WEITERLESEN
Hummel, Inke et al. (2025): Haltung zeigen für demokratische Werte in Kita, Ganztag und Schule. Stuttgart: Klett Kita.
Renz-Polster, Herbert (2020): Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können. 2. Auflage. München: Kösel.


