CoTransform Heilbronn – Warum Schule sich substanziell verändern muss

Prof. Dr. Uta Hauck-Thum über die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels in der Schulentwicklung

Die Ergebnisse des jüngsten IQB-Bildungstrends zeigen dringenden Handlungsbedarf an deutschen Grundschulen. Doch statt auf kurzfristige Maßnahmen zu setzen, brauche es einen grundlegenden Wandel, argumentiert Prof. Dr. Uta Hauck-Thum, Erziehungswissenschaftlerin an der LMU München und wissenschaftliche Leiterin des Projekts CoTransform Heilbronn. Mit diesem zeigt sie den Weg für tiefgreifende Veränderungen im Bildungssystem auf. Im Interview erklärt die Bildungsexpertin und ehemalige Lehrerin, warum einfache „Back to basics“-Lösungen nicht mehr reichen, wie die Vernetzung im Projekt funktioniert und wie die Schule der Zukunft aussieht.

Frau Professor Hauck-Thum, bevor Sie zu einer renommierten Forscherin wurden, waren Sie lange Zeit selbst Lehrerin. Wenn Sie heute mit Ihrer wissenschaftlichen Expertise auf die Herausforderungen im Klassenzimmer blicken: Was hat Sie schon damals als Lehrerin umgetrieben, was sich nun auch im Projekt CoTransform zeigt?

Prof. Dr. Uta Hauck-Thum: Meine damalige Sichtweise auf Schule hat sich tatsächlich bis heute kaum verändert. Was sich gewandelt hat, ist die Welt, in der wir leben. Die Heterogenität in den Klassen ist noch größer geworden. Anfang der 2000er-Jahre habe ich mit Grundschulkindern Radiosendungen produziert, mit Doppelkassettendeck und Diktiergerät, die über die Durchsagen-Lautsprecher der Schule veröffentlicht wurden. Ich wollte damit erreichen, dass die Kinder Relevanz erfahren, Selbstbestimmtheit erleben und sehen, dass ihr Tun eine Bedeutung hat: lesen, deutlich sprechen, in den Dialog mit ihnen bisher unbekannten Menschen treten. Das ist für einen Drittklässler nicht so einfach und stärkt die Sozial- und Selbstkompetenz. Diese Vorstellung von Schule als einem Ort, der sich öffnet, Kindern relevante Erfahrungen ermöglicht und dabei wichtige Basis-, Sozial- und Persönlichkeitskompetenzen vermittelt, hat sich nicht geändert und zeigt sich auch im Projekt CoTransform ganz wesentlich. 

Das Projekt CoTransform ist auch eine Reaktion auf die Befunde des IQB-Bildungstrends, der dramatische Kompetenzverluste bei Basiskompetenzen aufzeigt. Reflexhaft wurden daraufhin oft Maßnahmen wie ein Fokus auf die Kernfächer gefordert. Warum reichen solche Lösungen nicht mehr aus?

Angesichts der konsequent schlechter werdenden Ergebnisse können wir nicht mehr nur reaktiv vorgehen. Es reicht nicht aus, ein neues Lesekonzept in gewohnten Strukturen anzubieten oder Kinder in bestimmten Phasen bei Basiskompetenzen zu fördern und ansonsten alles unverändert zu lassen. Wir benötigen zwar intensive Phasen, in denen Kinder an individuellen Fehlerschwerpunkten arbeiten, aber eben nicht nur additiv mehr, sondern auch integrativ anders. CoTransform basiert auf einem Konzept von sieben Professorinnen. Das waren, neben mir, Anne Sliwka, Britta Klopsch, Jana Heinz, Nina Bremm, Barbara Lenzgeiger, Julia Gerick und Ute Schmid. Wir wollten damit ein Verständnis dafür schaffen, dass es um mehr geht als nur ein neues Förderprogramm.

Was uns in Deutschland fehlt, ist eine geteilte Vision von Bildung. Wir sahen die schlechten Ergebnisse und fragen: Was tun wir jetzt? Doch wir müssen grundlegend neu denken, und zwar auf allen Ebenen. Das ist das Ziel von CoTransform.

Wir bilden Lehrkräfte fort, damit sie konkrete Erfahrungen mit veränderten Settings machen. Oft haben sie feste Vorstellungen von Schule, weil sie diese selbst so erlebt haben und im Alltag weiterhin so erleben. Es fehlt die Vision, dass es auch anders gehen kann. Doch anders bedeutet nicht nur offen und jeder macht, was er will, sondern es ist durchaus sehr strukturiert – nur die Strukturen selbst verändern sich. Dieses Verständnis ist auch auf der Ebene der Schulleitung, des Schulträgers und der Schulaufsicht erforderlich, damit alle an einem Strang ziehen. Das ursprüngliche Konzept haben wir aber in Heilbronn adaptiert. Von der Idee der Schulfamilien sind wir abgekommen. In Heilbronn pflegen wir ein themenspezifisches Lernnetzwerk.

Das Projekt CoTransform Heilbronn

CoTransform Heilbronn ist eine gemeinsame Initiative der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und der aim, die im März 2025 offiziell startete. Das zentrale Ziel des Projekts ist die Unterstützung von Grundschulen bei der Weiterentwicklung von Lehr- und Lernsettings in der Region Heilbronn. Als direkte Antwort auf bestehende Herausforderungen will das Projekt über isolierte Einzelmaßnahmen hinausgehen. Die Methodik basiert auf dem Aufbau von kollaborativen Netzwerken, in denen Lehrkräfte, Schulleitungen und weitere Bildungsakteure eng zusammenarbeiten. Über mehrere Jahren durchlaufen die teilnehmenden Schulen bis 2027 strukturierte Module, erhalten gezielte Fortbildungen und setzen konkrete Interventionen im Unterricht um. Der gesamte Prozess wird kontinuierlich von der LMU München wissenschaftlich begleitet, um eine evidenzbasierte und reflektierte Weiterentwicklung zu gewährleisten. Das Schwesternprojekt, CoTransform Freising, ist bereits 2023 gestartet unter der Leitung von Uta Hauck-Thum (LMU), Jana Heinz (Hochschule München) und Barbara Lenzgeiger (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt)*.

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*Hauck-Thum, U., Heinz, J., Lenzgeiger, B. 2025: Lernnetzwerk Freising – Schultransformation gemeinsam gestalten. In: Bildungsbrücken für Vielfalt in der Grundschule bauen. In: Martschinke, S. Oetjen, B., Baumann, R. (Hrsg.), 159 Beiträge zur Reform der Grundschule, Grundschulverband, S. 20-29.

Ein Schlüsselbegriff, den Sie oft verwenden und der auch im Kontext von CoTransform eine wichtige Rolle spielt, ist die „Kultur der Digitalität“. Was meinen Sie damit genau? 

Mit den Digitalisierungsprozessen der letzten 20 Jahre gehen nicht nur neue technische Möglichkeiten einher, sondern auch tiefgreifende kulturelle Veränderungen. Es entsteht ein neuer kultureller Möglichkeitsraum, wie der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder diesen Begriff geprägt hat. Ähnlich wie nach der Erfindung des Buchdrucks die Alphabetisierung und Bibliotheken erst nach und nach entstanden sind, befinden wir uns jetzt in einem vergleichbaren Wandel. 

In diesem neuen Raum verändern sich unsere Handlungsgepflogenheiten und soziokulturellen Praktiken. Wie wir uns austauschen, zum Beispiel über WhatsApp, wie wir Memes verstehen, die sich auf bestimmte kulturelle Referenzen beziehen – all das prägt diese Kultur. Dazu gehört auch das Verständnis, dass nicht alles von Menschen gemacht ist, sondern Algorithmen dahinterstecken. Man muss begreifen, was eine KI überhaupt macht, um zu verstehen, welche Kompetenzen der Mensch braucht, um in dieser komplexer werdenden Welt zu bestehen. 

Diese Kultur der Digitalität verändert auch unser Bildungssystem. Es geht nicht nur um instrumentelle Bedienkompetenz. Die neuen kulturellen Praktiken verändern auch die Lehr- und Lernprozesse. Ich muss Kinder auf das Gemeinschaftliche vorbereiten, auf die „Generation Global“, die sich ständig vernetzt. Deshalb müssen auch im Unterricht gemeinschaftliche Praktiken eine Rolle spielen. Und das bedeutet nicht Gruppenarbeit, wie man sie kennt, bei der einer austeilt, der nächste ausfüllt und der dritte vorträgt. Es geht darum, Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam an Herausforderungen zu arbeiten. Dabei lernen sie, sich auszutauschen, sich zurückzunehmen, kritisch, aber auch kreativ zu sein. Das greift alles ineinander. Zu verstehen, dass es nicht nur darum geht, dass Schulen digitaler werden, sondern dass sie sich in Bezug auf Lehren, Lernen und Prüfen substanziell verändern müssen – das ist in der Breite noch nicht angekommen. 

Zentral für CoTransform sind die Netzwerke, die im Rahmen des Projekts entstehen. Wie genau profitiert eine Grundschullehrerin in Heilbronn in ihrem Alltag davon, Teil eines solchen Netzwerks zu sein? 

Auch die Netzwerke sind ein Ausdruck dieser Kultur der Digitalität. Wir können multiplen Herausforderungen nicht mehr allein begegnen – weder die Einzelperson, noch die einzelne Schulleitung und auch nicht die Lehrkraft in ihrem Klassenzimmer.

Das Bündeln von Ideen und der Austausch über Klassenzimmer und Schulgrenzen hinweg führen dazu, dass man gegenseitig voneinander profitiert.

Das ist am Anfang nicht so leicht, weil Lehrkräfte oft darauf gepolt sind, ihr eigenes Ding zu machen. Diese Muster gilt es aufzubrechen, um gemeinsam Ideen zu etwas Größerem zu entwickeln. 
 
Die Lehrerin profitiert also, weil sie ganz neuen Input über die Schulleitung und im direkten Austausch mit anderen Lehrkräften bekommt. Im Projekt vernetzen wir die Schulen, die ähnliche Ziele haben. Wir haben mit Einzelgesprächen begonnen, um zu sehen: Wo steht ihr, wo wollt ihr hin? Und dann haben wir geschaut, wer zusammenpasst. Eine Schule sagt: „Wir haben ganz schwache Kinder im Lesen.“ Eine andere antwortet: „Oh, das haben wir auch. Wir haben diese Lösungen dafür gefunden, diese Erfahrungen damit gemacht.“ Und schon profitieren sie voneinander. 

Sie haben das CoTransform-Projekt ja auch in Bayern schon umgesetzt. Was waren dort die größten Hürden, die Ihnen begegnet sind? 

Ein Problem, das unser Team dort hat, ist, dass die Schulen wirklich am Ball bleiben. Im ersten Jahr ist man motiviert, aber dann kommen die großen Ferien, und man ist wieder im Trott des neuen Schuljahres. Da bedarf es einer kontinuierlichen Begleitung. Hier sind wir in Heilbronn an der Seite der aim natürlich ganz anders aufgestellt, weil dedizierte Personen und Ressourcen vorhanden sind. Ich habe eine volle Stelle an der LMU, es gibt eine volle Stelle in Heilbronn, und die aim verfügt über einen unglaublichen Pool an Fortbildungen. Wenn drei Schulen sagen, sie wollen im Bereich Leseförderung voranschreiten, können wir ein passendes Bündel schnüren. 

Eine weitere Herausforderung ist, die hierarchischen Strukturen aufzulösen. Die Bereitschaft zur Kommunikation ist da, aber oft spricht die Schulaufsicht nur mit den Schulleitungen, nicht mit den Lehrenden vor Ort. Eine echte Vernetzung und Offenheit auf Augenhöhe muss erst Schritt für Schritt erlernt werden. Nur wenn die Schulaufsicht bereit ist, sich mit den Lehrkräften zu unterhalten, wird sie erfahren, was diese wirklich brauchen. Unser Bildungssystem ist seit über 100 Jahren von Hierarchien durchzogen. Das aufzulösen, ist die allergrößte Herausforderung. 

Blicken wir in die Zukunft: Woran würden die Eltern eines Kindes an einer Heilbronner Grundschule am Ende der Laufzeit merken, dass sich durch CoTransform etwas fundamental zum Besseren verändert hat? 

Die Eltern würden merken, dass Schule nicht mehr nur in diesem einen Gebäude stattfindet. Das Kind lernt an ganz unterschiedlichen Orten, es gibt regelmäßige Tage an außerschulischen Lernorten. Die Schule hat sich ins Quartier geöffnet, und multiprofessionelle Teams kümmern sich um das Kind. Es gibt nicht mehr nur diese eine Lehrerin. 

Die Eltern würden auch merken, dass wir einen anderen Leistungsbegriff haben. Es gibt ein Lernstandsmonitoring, und das Kind bekommt alle drei Wochen Feedback, ob es sich verbessert hat. Es geht nicht mehr nur darum: „Wann schreibt ihr Proben?“, sondern: „Hey, was hat das Monitoring ergeben? Hast du dich im Lesen verbessert?“ Und schließlich werden die Eltern merken, dass sie viel stärker eingebunden sind. Sie nehmen an partizipativen Treffen teil, sind Teil der Netzwerke und können ihre Ideen und ihre kreative Kraft einbringen.

Gibt es eine Erkenntnis oder ein Tool aus dem Projekt, das Sie Schulen, die sich entwickeln wollen, aber nicht an CoTransform teilnehmen, schon heute ans Herz legen können? 

Wir starten immer mit einer Ist-Stand-Analyse. Dafür gibt es ein von der Bundesregierung gefördertes Tool, an dem ich mitgearbeitet habe: Schultransform. Unter schultransform.org findet man Fragebögen zu sechs Handlungsfeldern, aus denen man auch einzelne herausgreifen kann. So bekommt man einen Überblick, wie weit man ist. Die Fragen sind so formuliert, dass man implizit schon merkt, was ein guter nächster Schritt wäre. 

Damit würde ich den Schulen empfehlen anzufangen. Und dann ist es wichtig, an der eigenen Vision zu arbeiten: Wo wollen wir hin? Das kann auch ein ganz kleiner Schritt sein, zum Beispiel: „Wir wollen am Freitag in den ersten beiden Stunden fächerübergreifend Projekte machen.“ Das probiert man aus, holt sich Unterstützung und ganz wichtig: die Rückendeckung der Schulleitung. In meiner Zeit als Lehrkraft hat meine Schulleitung immer gesagt: „Machen Sie nur.“ Das hat mir vollkommen ausgereicht, weil ich wusste, wenn etwas ist, dann steht sie hinter mir. Dieses Vertrauen ist entscheidend. 

Abschließend: Wenn Sie die Schule der Zukunft, die Sie mit CoTransform gestalten wollen, in drei Worten zusammenfassen müssten – welche wären das? Abschließend: Wenn Sie die Schule der Zukunft, die Sie mit CoTransform gestalten wollen, in drei Worten zusammenfassen müssten – welche wären das? 

Gemeinschaftlich, innovativ und reflektiert.

Zur Person

Prof. Dr. Uta Hauck-Thum ist seit 2018  Professorin für Grundschulpädagogik und Didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen zentrale Themen der modernen Pädagogik, darunter das Lehren und Lernen in der Kultur der Digitalität, systemische Schultransformationsprozesse und Künstliche Intelligenz. Vor ihrer akademischen Karriere war Hauck-Thum acht Jahre lang als Grundschullehrerin in München tätig.