
aim-Fachtag stärkt Mathe- und Sprachförderung im Übergang
Fortbildung, Workshops und Austausch auf dem Bildungscampus Heilbronn: Über 170 Förder-Lehrkräfte diskutierten aktuelle Ansätze zur Förderung im Vorschuljahr und in der Grundschule
Der Novembermorgen ist kalt, doch auf dem Bildungscampus Heilbronn stehen die ersten Förderdozierenden schon in kleinen Gruppen zusammen. Man kennt sich – oder lernt sich gerade kennen. Stimmen, Lachen, kurze Fragen nach „Wie läuft’s bei euch an der Schule?“. Es ist das leise Grundrauschen eines Netzwerks, das seit Jahren trägt: das der aim-Förder-Lehrkräfte für Sprache und Mathematik.
Am 22. November 2025 kamen mehr als 170 von ihnen zum aim-Fachtag zusammen, um sich – besonders mit Blick auf Bildungsübergänge – fortzubilden, auszutauschen und sich zu stärken.
Die Herausforderungen werden größer, der Zusammenhalt auch
Bei der Eröffnung richtete aim-Geschäftsführer Marco Haaf seinen Dank an die Förder-Lehrkräfte – und verband ihn mit einem klaren Auftrag: „Sie alle machen das aus großer intrinsischer Motivation“, sagte er. „Kinder, Schule, die Gesellschaft: Alles verändert sich rasant. Deshalb müssen sich auch unsere Programme weiterentwickeln.“
Sprachförderung beginne heute früher, Matheförderung sei hinzugekommen. Was bleibe, sei der gemeinsame Anspruch, Kindern Sicherheit, Orientierung und Lernfreude zu geben, gerade dann, wenn sie den Übergang in die Schule meistern müssen. Marco Haafs Botschaft: Wenn sich dieses Netzwerk weiterentwickelt, trägt es nicht nur Kinder – es stützt die Gesellschaft.
Mit Blick in den Rucksack: Keynote sensibilisiert für ganzheitliche Betrachtung
Über Beobachtung, Beziehung und die Kraft, die im genauen Hinschauen liegt, drehte sich die Keynote von Prof. Dr. Anja Wildemann, Expertin für Grundschulforschung und Sprachbildung an der RPTU Kaiserslautern-Landau. „Kinder bringen einen vollen Rucksack mit, wenn sie in die Kita und später in die Grundschule kommen“, sagte sie. Dieser Rucksack sei individuell gefüllt: mit Sprachen, Erfahrungen, Gefühlen, Stärken. Ihr Plädoyer: „Beobachten Sie die Kinder, ohne sofort zu bewerten.“ Denn Kinder, die im Unterricht still sind, können in der Förderung plötzlich aufblühen. Lehrkräfte sehen manche Facetten, Förder-Lehrkräfte wiederum andere. Wildemann rief dazu auf, Diagnostik als wertfreien Dialog zu verstehen: „Was beobachtet die Lehrkraft? Was beobachtet die Förder-Lehrkraft?“ Und sie erinnerte an etwas Grundsätzliches: „Es gibt kein Kind, das gar nichts kann.“
Lernen gelingt über Beziehung – nicht nur über die Häufigkeit, sondern vor allem auch über die Qualität von Interaktionen. Der Vortrag legte den Kern des Fachtags offen: Nur wenn Förder-Lehrkräfte gut hinschauen, im Austausch sind und voneinander lernen, kann das Netzwerk funktionieren.
Von Zaubern bis Zuhören: Vielfältiges Workshop-Angebot findet großen Anklang
Das breit gefächerte Angebot an Fortbildungen nach der Keynote griff wichtige Bedürfnisse auf: „Ich bin sehr gespannt auf den Input. Die Seminare sind immer sehr nah an der Praxis und meiner Arbeitsrealität als Förder-Lehrkraft”, so eine Person auf dem Weg zum Workshop „Aussprache im Zweiterwerb: Übungen zu schwierigen deutschen Lauten”. In weiteren Workshops lernten die Förderdozierenden, wie sprachförderliche Begleitung ausgestaltet werden kann, damit Übergänge gelingen, wie Rituale in DaZ-Stunden Orientierung geben oder wie Zaubertricks mathematische Grundprinzipien spielerisch vermitteln.
Neben neuen Impulsen für die Sprach- und Matheförderung zum Anfassen standen auch allgemein relevante Themen hoch im Kurs. Im Workshop „Neurodivergenz verstehen, Potenziale entdecken, Lernwege öffnen” ging es um Vielfalt – und darum, wie verletzend Sätze wie „Du hast ein Hirn wie ein Sieb” oder „Du bist ein Zappelphilipp“ sein können. Workshop-Leiterin Elke Stein erzählte ihre eigene Geschichte: Erst im Erwachsenenalter erhielt sie die ADHS-Diagnose, die vieles aus der Schulzeit in ein neues Licht rückte. Ihr Appell an die Förder-Lehrkräfte: Seht hin. Fragt nach. Werdet kreativ.
Zur Inspiration hat sie mehrere Kisten voller Hilfsmittel mitgebracht. Ob Tischhöhle, Igelball, Therapieknete oder Noise-Cancelling-Kopfhörer – Stein zeigte konkrete Wege, wie Kinder mit ADHS, Autismus, LRS oder Dyskalkulie unterstützt werden können in einer lernfreundlicheren Umgebung. Bewegung ist erlaubt, Kaugummi auch, ebenso Zuhören im eigenen Tempo.
Bei Franziska Kolb stand das Zuhören im Mittelpunkt, eine Fähigkeit, die im Zeitalter permanenter Ablenkung anspruchsvoller geworden ist. „Stell dir vor, was du hörst, und mach das innere Kino an“, empfiehlt sie. Ein Teilnehmer merkte an, dass viele Kinder heute durch den erhöhten Medienkonsum weniger eigene Bilder entwickeln – Kolb stimmt zu, betont aber: Vorstellungskraft lässt sich trainieren. Sie betont: „Nicht umsonst sind wir enttäuscht, wenn wir nach dem Buch den Film sehen. Unsere inneren Bilder sind besser.“ Wie Lego bauen das Zuhören schult, machte ein Barrierespiel sichtbar: Zwei Teilnehmerinnen saßen Rücken an Rücken, bauten, beschrieben, scheiterten, lachten. Der Applaus zeigte, wie anspruchsvoll Zuhören ist – und wie präzise Sprache wirken kann.
Ein Netzwerk das trägt, heute und in Zukunft
Zwischen Keynote und Workshops wurde deutlich sichtbar, wie viel Erfahrung, Wissen und Engagement in diesem Netzwerk steckt:
„Man sieht es in den Augen, wie sehr sich die Kinder freuen, wenn sie ein neues Wort gelernt haben“, sagte Öznur Yangöz, die ungarische und ukrainische Kinder unterstützt. Sie engagiert sich seit Februar 2025 als Förder-Lehrkraft und unterstützt Erstklässlerinnen und Erstklässler beim Deutschlernen. Passend zum Unterrichtsthema „Herbst“ spricht sie mit den Kindern über die Farben bunter Blätter und verschiedene Baumarten. „Meine Mädels singen unheimlich gerne“, sagt Tuba Yildiz. Die Sprachförderdozentin erzählt voller Freude von ihren Erfahrungen mit „ihren“ Mädchen. Sie sprächen Türkisch, Arabisch oder Albanisch und seien begeistert darüber gewesen, ein Lieblingslied in ihrer Muttersprache vorzusingen.
Mutig mit allen Beteiligten
Auch Bernd Stampa, seit über 15 Jahren Sprachförderdozent und Unterrichtsbegleiter bei der aim, reflektierte die Entwicklung seiner Arbeit: „Die Bedürfnisse der Kinder haben sich stark gewandelt. Deshalb ist mir der Zugang zu den Kindern so wichtig.“ Die Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Schulleitungen sei entscheidend, betont er – und die Entwicklung der Kinder belohne jeden Einsatz. „Die Förderstunden dürfen sich nicht wie Nachsitzen anfühlen. Sie sollen Türen öffnen und neue Zugänge zur Schule ermöglichen.“ Ursula Bierlin, Förderdozentin der ersten Stunde, begleitet derzeit eine vierte Klasse: „Die habe ich seit der ersten Klasse – ein absoluter Glücksfall.“ Das Rucksack-Bild aus der Keynote hat sie besonders bewegt: „Ich will noch mehr darauf achten, was in diesen Rucksäcken steckt, damit die Kinder die Lust am Lernen nicht verlieren.“
Am Ende des Tages schloss sich der Kreis: Vom Dank in der Eröffnung über die gemeinsame Sicht auf die Kinder bis zu den praxisnahen Impulsen aus den Workshops zeigte der Fachtag, wie stark und vielfältig das Netzwerk der aim-Förder-Lehrkräfte ist. Ein Netzwerk, das Kinder durch Übergänge begleitet, das Förder-Lehrkräfte durch Herausforderungen trägt, und die aim dabei unterstützt, Programme weiterzuentwickeln – für eine Gesellschaft, die auf gute Bildung baut.















